HT 2023: „Knochen lügen nie“? Historische Faktizität und Fragilität menschlicher Überreste

HT 2023: : „Knochen lügen nie“? Historische Faktizität und Fragilität menschlicher Überreste

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) (Universität Leipzig)
Ausrichter
Universität Leipzig
PLZ
04107
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
19.09.2023 - 22.09.2023
Von
Jörg Feuchter, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

„Bones never lie“ ist der Titel eines Romans aus einer bekannten Krimireihe. In dieser geht es um eine forensische Anthropologin namens Tempe Brennan, die durch ihre Expertenarbeit mit menschlichen Überresten maßgeblich zur Klärung von Verbrechen beiträgt. Die Autorin, Kathy Reichs, ist selbst forensische Anthropologin. Ihre Romane und ihr eigenes Berufsleben waren auch Vorlage für die TV-Erfolgsserie „Bones“. Bücher wie Fernsehserie stehen emblematisch für den enormen Reiz, die die Produktion von forensisch-wissenschaftlicher Evidenz anhand von „human remains“ schon seit geraumer Zeit popkulturell genießt.

Ein großer Teil der Faszination rührt genau von dem „Claim“ her, der im Diktum „Knochen lügen nie“ plakativ formuliert ist: Dass die aus menschlichen Überresten auf naturwissenschaftliche Weise gewonnene Evidenz objektiv und unbestechlich sei. Mit diesem Anspruch auf Faktizität und seinem Ge- und Missbrauch setzte sich die Sektion auseinander. Organisiert wurde sie von Alexa Stiller (Zürich) und Željana Tunić (Halle).

Die fünf Vorträge der Sektion beschäftigten sich mit naturwissenschaftlichen und forensischen Methoden und damit, wie sie in der fachlichen Wissensproduktion eingesetzt werden, aber auch in der Repräsentation in Museen und Ausstellungen sowie in politischen Kämpfen. Sie boten nicht nur einen einzigartigen Zugang zum Thema des Historikertages, den fragilen Fakten. Vielmehr erwiesen sie sich auch als überaus anregende und vielseitige Einführung in ein hierzulande noch eher wenig bekanntes Forschungsfeld. Denn während die „Human Remains Studies“ im englisch- und französischsprachigen Forschungsraum bereits gut etabliert sind, gilt dies noch nicht im gleichen Maße für die deutschsprachige Forschungslandschaft, insbesondere nicht für die Geschichtswissenschaft.

Die Sektion war dabei nicht nur epochenübergreifend, sondern auch interdisziplinär angelegt. In einer Zusammenführung von archäologischen, geschichts- und kulturwissenschaftlichen Forschungspräsentationen, die das zahlreiche Publikum merklich fesselte, wurde dabei immer wieder die Frage nach der Aussagekraft und dem Deutungsspektrum von Knochen und menschlichen Überresten in den Mittelpunkt gestellt.

In ihrer Einführung verdeutlichten Stiller und Tunić das große Spektrum der Forschungen zu Knochen bzw. menschlichen Überresten inklusive der daraus extrahierten Gene vor: Von der Wissenschaftsgeschichte der Anatomie, Anthropologie und Archäologie, den kolonialen Schädel- und Skelettsammlungen über den globalen Knochenhandel zur Forensik und Erinnerungspolitik. Stiller plädierte für die Manifestation einer „Knochengeschichte“ als einem eigenen Feld in der Geschichtswissenschaft, neben der Körpergeschichte. Tunić wies auf die Manipulierbarkeit von Knochen für nationalistische, rassistische und sexistische Vorstellungen hin.

Die Archäologin SUSANNE HAKENBECK (Cambridge) zeigte im ersten Vortrag anschaulich die rasante rezente Entwicklung der genomischen Bevölkerungsanalyse im Bereich der europäischen Vor- und Frühgeschichte. Neuere Genom-Analysen verweisen seit 2015 auf die Einwanderung von Menschengruppen aus der eurasischen Steppe. Teilweise werde dabei der Anspruch erhoben, so Hakenbeck, dass damit die Einführung der indoeuropäischen Sprache verbunden gewesen sei. Sie verdeutlichte, wie rechtsradikale Gruppen heute diese Forschungsergebnisse für eine rassistische Auslegungen einer „weißen Vorherrschaft“ benutzen – in diesem Zusammenhang spricht sie in Anknüpfung an Aron Panofsky und andere von einer „Molekularisierung von ‘Rasse’“. Im Anschluss prolematisierte Hakenbeck nicht nur die missbräuchliche Rezeption, sondern auch das Vorgehen der Archäogenetik selbst, indem sie darauf hinwies, dass die Probenauswahl für die Genom-Analyse mitunter älteren Ansätzen der „archäologischen Kulturgruppen“ folge, die wiederum für „ethnische“ Gruppen standen. Bei einer zu geringen Probenauswahl perpetuierten sich damit möglicherweise ältere Vorurteile. Ihr Fazit lautete, dass erstens die Stichprobengröße entscheidend sei und zweitens neben der Genomik auch weiterhin die Grabbeigaben genauer betrachtet werden müssten, um die Lebenswege unterschiedlicher Individuen in der Vor- und Frühgeschichte nachzeichnen zu können. Menschen seien nicht auf ihr Genom zu reduzieren.

Auch der zweite Vortrag widmete sich miteinander verbundenen Fragen der Archäologie, Molekulargenetik und Geschichtswissenschaft. ELSBETH BÖSL (München) und DORIS GUTSMIEDL-SCHÜMANN (München) betrachteten kritisch verschiedene Methoden der Geschlechtsbestimmung im Bereich der Gräberarchäologie. Während im 19. Jahrhundert die Archäologie einen standortgebundenen bürgerlich-männlichen Blick auf Geschlecht hatte und vor allem Analogieschlüsse aus den Grabbeigaben zog (Waffen = männlich, Schmuck = weiblich), kam es im weiteren historischen Verlauf vermehrt zu osteologischen Untersuchungen der Skelette, die jedoch relative, keine absoluten Daten über das biologische Geschlecht liefern können. Heute kann zusätzlich mittels molekularbiologischer Analyseverfahren das chromosomale Geschlecht bestimmt werden; doch auch dabei kann es zu Fehlern kommen. Zudem zeigen sich genetische Varianzen und Uneindeutigkeiten. Ohnehin gebe es mindestens fünf verschiedene Dimensionen von Geschlecht (hormonal-psychologisch, gonadal, chromosomal, phänotypisch sowie im Hinblick auf Gender).

Systematisch zeigten die Wissenschaftshistorikerin Bösl und die Archäologin Gutsmiedl-Schümann die Grenzen der einzelnen wissenschaftlichen Methoden der Geschlechtsansprache auf. Neben dem Befund struktureller Vorurteile bei der Geschlechtsbestimmung war ihr Fazit, dass es auch schlichtweg Fälle gebe, die nicht in ein binäres Geschlechterkonzept passten, auch wenn es letztlich recht wenige seien. Sie verwiesen auf eine neuere Meta-Studie von Eleonore Pape und Nicola Ialengo dazu, die dafür wirbt, hier nicht von „Ausnahmen“, sondern von „Minderheiten“ zu sprechen. Ebenso wie Hakenbeck plädierten Bösl und Gutsmiedl-Schümann für eine Pluralität der archäologischen und historischen Methoden. Spannend war an diesem Vortrag auch, wie mehrere Fälle von „Frauen in Waffen“ im Laufe der Zeit quasi ihr Geschlecht wechselten, aufgrund mehrfacher Neu-Ansprachen durch jeweils neue Methoden. Solche „Kontingenzerfahrungen“ würden in den beteiligten Fächern durchaus reflektiert und trügen zur Verbesserung der Methoden bei. Sie könnten jedoch auch in der Öffentlichkeit durchaus besser bekanntgemacht werden, gerade weil die „female warriors“ medial hohe Aufmerksamkeit erführen.

In einer kurzen Zwischendiskussion stimmten alle drei bis dahin vortragenden Referentinnen darin überein, dass die Geschichtswissenschaft durchaus mehr Knochen als Quellen nutzen sollte. Es wurde jedoch betont, dass eine nur beobachtende Position ebenfalls legitim sei.

Einen Sprung aus mittelalterlicher bzw. Bronze-Zeit in die Moderne gab es mit dem dritten Vortrag zu kolonialen Knochen und postkolonialen Ahnen von GESINE KRÜGER (Zürich). Krüger, die im deutschsprachigen Raum früh zur Repatriierung von kolonialen Skeletten aus musealen Sammlungen geforscht hat, verlagerte ihren Fokus im Vortrag weg von den Knochen hin zu anderen Körperzeugnissen, besonders zu Gesichtsabformungen aus Gips. Noch stärker als die Schädelsammlungen hätten die Gesichtsmasken zu Anfang des 20. Jahrhunderts der Visualisierung von „Rasse“ gedient. Im Gegensatz zu Kameraaufnahmen waren sie dreidimensional. Krüger schilderte die kolonialen Akte der Erstellung von Lebendmasken (das heißt von lebenden Personen) im südlichen Afrika und zeigte Fotografien der kolonialen Praxis. Darüber hinaus stellte sie Stimmen der Betroffenen vor, die von der negativen Erfahrung der Gipsschicht auf ihren Gesichtern berichteten und auf welche oft fragwürdige Weise sie zum Mitmachen gebracht worden waren. Abschließend stellte Krüger verschiedene historische und heutige Präsentationen von Gesichtsmasken in Museen vor. Darunter gebe es teils solche mit gleichbleibendem kolonialem Duktus, aber auch kritische Auseinandersetzungen.

Die Kulturwissenschaftlerin und Slawistin ŽELJANA TUNIĆ (Halle) fragte in ihrem Vortrag – ausgehend vom Konzept eines „forensic turns“ – nach der Bedeutung von Knochen in der Erinnerungs- und Geschichtspolitik. Am Beispiel Jugoslawiens in den 1980er- und der postjugoslawischen Staaten in den 1990er-Jahren arbeitete sie heraus, wie einerseits der Visualisierung der toten Körper unmittelbar vor und während der jugoslawischen Zerfallskriege (1991–1999) eine zentrale Bedeutung zugekommen und wie andererseits den Exhumierungen von Leichen des Zweiten Weltkrieges ein forensischer Anschein gegeben worden sei, obwohl keine entsprechenden Untersuchungen der menschlichen Überreste stattfanden. Stattdessen bedienten sich die Akteure, so Tunićs zentrale Aussage, einer „forensischen Ästhetik“, die im Medium der Fotografie zum Ausdruck komme. Tunić schloss ihren Vortrag mit einer Spiegelung dieser Nachahmung gerichtsmedizinischer Objektivität in Marina Abramovićs Performance „Balkan Baroque“ aus dem Jahr 1997, in der die aus Jugoslawien stammende Künstlerin vier Tage lang je sechs Stunden frische Rinderknochen wusch und dazu Klagelieder sang. Eine kritische Analyse nationalistischer Geschichtspolitik, die die menschlichen Überreste ausschließlich ethnisch kategorisiert, könne, so Tunić, produktiv durch die Untersuchung zeitgenössischer Kunstprojekte bereichert werden.

ALEXA STILLER (Zürich) behandelte die Möglichkeiten und Bedeutung der forensischen Untersuchungen von Massengräbern und menschlichen Überresten für internationale juristische Prozesse. Die Zeithistorikerin fokussierte die forensischen Ermittlungen im Auftrag des Internationalen Strafgerichtshofes für das ehemalige Jugoslawien im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica im Juli 1995. Systematisch zeigte sie die Möglichkeiten und Grenzen der forensischen Archäologie und Anthropologie für die Feststellung von Kriegsverbrechen auf, sowie die der forensischen Genetik für die Identifizierung vermisster Personen. Stiller konzedierte, dass anhand von Knochen und der daraus sequenzierten DNA zwischen 1996 und 2014 viele strafrelevanten Erkenntnisse gewonnen worden seien. Doch sie zeigte auch die Grenzen der internationalen Forensik im Zusammenhang mit Völkerrechtsverbrechen auf: die Analyse der menschlichen Überreste konnte im engeren Sinne keine Hinweise auf die Täterschaft geben, sondern nur die Opfer belegen. Aus diesem Grund seien für die Prozesse vor dem Gerichtshof in Den Haag weiterhin Tätergeständnisse und Täter als Belastungszeugen besonders wichtig gewesen. Abschließend wies Stiller jedoch auch auf die Bedeutung des Wechselspiels zwischen den Exhumierungen, der medialen Berichterstattung darüber und den Aussagen der Täter hin.

Die Sektion schloss mit einer erneuten Diskussionsrunde, in der auch die naheliegende Frage nach dem Umgang mit Knochen aus kolonialen Kontexten aufkam.

Es lässt sich festhalten, dass die Vorträge zur Frage der Faktizität und Fragilität von Human Remains keineswegs nur eine exotische Variation auf das Thema des Historikertages boten. Sie erwiesen sich vielmehr als überaus anregende und vielseitige Einführung in ein international und in anderen Disziplinen blühendes, in der deutschen Geschichtswissenschaft aber noch etwas randständiges Forschungsfeld. Den Organisatorinnen der Sektion und den von ihnen eingeladenen Referentinnen ist es hervorragend gelungen, zu zeigen, wie vielversprechend dieses Feld ist. Denn die „Knochengeschichte“ kann nicht nur die Körper- und Geschlechtergeschichte mit der Genetic History/Archäogenetik verbinden, sondern auch kultur- und gesellschaftshistorische wie politik- und rechtshistorische Fragen gleichermaßen an ihren Gegenstand richten, und dies durch verschiedenste Epochen, Räume und Konstellationen. Nicht zuletzt leistet sie Aufklärungsarbeit für ein die Öffentlichkeit sowohl in der Populärkultur wie auch im politischen Raum stark interessierendes Thema. Zwar zeigen Historikerinnen und Historiker oft Scheu, sich auf naturwissenschaftlich geprägte Zusammenhänge einzulassen. Sie sollten jedoch eine solch wichtige Orientierungsaufgabe nicht anderen Wissenschaftsdisziplinen allein überlassen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Alexa Stiller (Zürich) / Željana Tunić (Halle)

Alexa Stiller (Zürich) / Željana Tunić (Halle): Einführung: Das forensische Paradigma: Von Gebrauch und Bedeutung menschlicher Überreste in Wissenschaft, Recht und Politik

Susanne Hakenbeck (Cambridge) : Genetik, Archäologie und die Molekularisierung von „Rasse“

Elsbeth Bösl (München) / Doris Gutsmiedl-Schümann (München): Geschlechtsansprache in der Gräberarchäologie zwischen Beigabenkategorien und Molekulargenetik

Gesine Krüger (Zürich): Koloniale Knochen - postkoloniale Ahnen

Željana Tunić (Halle): Nachahmung forensischer Objektivität - Herstellung nationalistischer Wahrheitsregime

Alexa Stiller (Zürich): Massengräber, Kriegsverbrechen, Völkermord: Forensische Analyse im Jugoslawien-Tribunal

https://www.historikertag.de/Leipzig2023/
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